Saphirglas oder Mineralglas? Uhrenglas-Arten im ehrlichen Vergleich.
Saphir ist hart, also unzerstörbar? Genau hier beginnt das Missverständnis. Kratzfestigkeit und Bruchfestigkeit sind zwei verschiedene Eigenschaften, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Dieser Ratgeber trennt beide sauber, ordnet Saphir, Mineral und Acryl ehrlich ein und entlarvt die Marketing-Begriffe dazwischen.
Saphirglas ist mit Mohs-Härte 9 praktisch kratzfest, aber spröde und teuer im Ersatz. Mineralglas verkratzt leichter, ist dafür bruchtoleranter und günstiger zu ersetzen. Acryl splittert kaum und lässt sich auspolieren, verkratzt aber am schnellsten und vergilbt mit den Jahren. Bei einem Kratzer gilt: Acryl polieren Sie oft selbst aus, Mineralglas nur bei flachen Kratzern, Saphir braucht in der Regel einen Austausch. Es gibt kein universell bestes Uhrenglas: Die richtige Wahl folgt dem Einsatz, nicht der Härte-Rangliste.
Saphir, Mineral, Acryl im Überblick.
Das Glas ist das Bauteil einer Uhr, das Sie am häufigsten ansehen und am ehesten beschädigen. Türrahmen, Schreibtischkante, der Autoschlüssel in derselben Tasche: Eine getragene Uhr sammelt Kontakte. Ob das Glas sie übersteht, entscheidet das Material. Drei Klassen kommen in Frage, nicht zwei.
In fast jedem Vergleich stehen nur Saphir und Mineral gegeneinander. Dabei gehört Acryl, in der Uhrenwelt Hesalite genannt, als dritte Klasse dazu, mit ganz eigenen Stärken. Die folgende Tabelle ordnet alle drei nach den Eigenschaften, die im Alltag wirklich zählen. Wenn Sie einen schnellen Überblick suchen, welche Merkmale insgesamt eine gute Uhr ausmachen, finden Sie ihn im Ratgeber Woran Sie eine gute Uhr erkennen. Hier geht es ausschließlich um das Glas.
| Kriterium | Acryl / Hesalite | Mineralglas | Saphirglas |
|---|---|---|---|
| Kratzfestigkeit | gering | mittel | sehr hoch (Mohs 9) |
| Bruch- und Splitterverhalten | splittert kaum | reißt, springt | spröde, kann splittern |
| Spiegelung | gering | gering bis mittel | hoch ohne Entspiegelung |
| Reparatur | auspolierbar | flache Kratzer polierbar, sonst Tausch | in der Regel Tausch, teuerster Fall |
| Typischer Einsatz | Vintage, Werkzeuguhr | Alltag, Einstieg, Sport | kratzkritischer Alltag |
Hart ist nicht unzerbrechlich, die Mohs-Zahl täuscht.
Der zentrale Punkt dieses Artikels: Härte und Bruchfestigkeit sind zwei verschiedene Eigenschaften. Ob ein Glas verkratzt, hängt von seiner Härte ab. Ob es bei einem Sturz bricht, hängt von seiner Zähigkeit ab. Bei Uhrengläsern arbeiten diese Eigenschaften oft gegeneinander, und genau das übersehen viele Vergleiche.
Saphir ist extrem hart, ein synthetischer Korund mit Mohs-Härte 9. Auf der Vickers-Skala, die echte Messwerte liefert statt einer reinen Rangliste, erreicht er rund 2000 Einheiten. Aber dieselbe Härte macht ihn spröde: Als Kristall gibt er bei einem Schlag kaum nach, statt sich zu verformen, bricht er. Mineralglas ist weicher, dafür gutmütiger, es reißt eher, als zu zersplittern. Acryl ist am weichsten und bekommt schnell Macken, übersteht Stürze aber oft ganz ohne Bruch.
Die Mohs-Skala selbst führt dabei in die Irre. Sie ist nur eine Reihenfolge, kein Maßstab: Was höher steht, ritzt das Tiefere. Saphir (9) und Diamant (10) sehen darauf fast gleich aus, obwohl Diamant in echten Messungen ein Vielfaches härter ist. Für sprödes Glas ist der Knoop-Test am aussagekräftigsten, weil seine flache Einkerbung weniger eigene Risse auslöst. Wichtig für Sie als Träger ist nur die Schlussfolgerung: Eine hohe Härtezahl verspricht Kratzfestigkeit, nicht Unzerbrechlichkeit.
Saphir gewinnt gegen Kratzer und verliert gegen den harten Schlag. Das ist kein Mangel, sondern Physik.Aus der Praxis · Andre Hörner
Saphirglas oder Mineralglas, der ehrliche Vergleich.
Wer vor der Wahl steht, liest häufig die verkürzte Antwort: Saphir sei besser. Das stimmt für eine Eigenschaft und verschweigt die andere. Saphir ist deutlich kratzfester, nach Vickers-Werten rund drei- bis viermal so hart wie Mineralglas. Der Uhrenhersteller Richard Mille nennt für Saphir rund 2.000 Vickers. Für ein Kronglas, ein Silikatglas wie Mineralglas, gibt der Glashersteller Schott rund 510 an. Im Alltag, wo Sand, Schlüssel und Tischkanten an der Uhr arbeiten, bleibt Saphir über Jahre klar, während Mineralglas feine Schleier ansetzt.
Mineralglas hat dagegen drei stille Vorteile. Es ist bruchtoleranter, weil es einen harten Stoß eher mit einem Sprung als mit Zersplittern beantwortet. Es spiegelt von Natur aus weniger. Und es ist günstiger zu ersetzen, ein Glaswechsel kostet deutlich weniger als ein Saphir-Austausch. Für eine Uhr, die viel einstecken muss, ist das kein Kompromiss, sondern oft die klügere Wahl.
Daraus folgt eine einfache Entscheidungslogik, die sich am Einsatz orientiert, nicht am Preisschild:
| So tragen Sie Ihre Uhr | Empfehlung | Warum |
|---|---|---|
| Büro, Alltag, täglich getragene Dress-Uhr | Saphir, entspiegelt | Im Alltag dominiert Abrieb, Saphir bleibt jahrelang klar |
| Sport, Outdoor, Werkstatt, hohes Schlagrisiko | gehärtetes Mineralglas | Bruchtoleranter, ein Komplettbruch wiegt schwerer als ein Kratzer |
| Vintage, Sammlerstück, Retro-Look | Acryl / Hesalite | Splittert nicht, heimpolierbar, authentischer Look |
| Preisbewusst, gute Lesbarkeit, mittlere Belastung | Mineralglas, gern innen entspiegelt | Bestes Verhältnis aus Preis, Funktion und Reparierbarkeit |
Es gibt also kein universell bestes Uhrenglas. Saphir gewinnt beim Kratzen, Mineral- und Acrylglas gewinnen bei Bruchsicherheit und Reparierbarkeit. Die richtige Wahl folgt Ihrem Lebensstil.
Saphirglas, kratzfest, aber spröde.
Saphirglas ist kein Glas im chemischen Sinn, sondern synthetisch gezüchteter Korund, also kristallines Aluminiumoxid. Mit Mohs-Härte 9 ist es nach Diamant eines der härtesten transparenten Materialien überhaupt. Im Alltag bedeutet das: praktisch kratzfest. Selbst Quarzsand, der mit Mohs 7 in jedem Staub steckt und Mineralglas mit der Zeit mattiert, lässt Saphir unberührt.
Diese Härte hat einen Preis, und zwar im doppelten Sinn. Erstens ist Saphir spröde. Ein harter Schlag auf eine Kante oder ein Sturz auf einen Steinboden kann ihn splittern lassen, wo ein weicheres Glas nur einen Sprung bekäme. Kratzfest ist nicht bruchsicher, und kein Uhrenglas ist unzerstörbar. Zweitens ist Saphir der teuerste Glastyp, auch im Ersatz, weil er sich kaum polieren lässt und bei einem Schaden meist komplett getauscht wird.
Für eine Uhr, die über Jahre sauber aussehen soll und die Sie täglich tragen, ist Saphir dennoch die erste Wahl. Sie kaufen damit Sorglosigkeit gegen Kratzer. Nur sollten Sie wissen, wogegen Sie damit nicht geschützt sind: gegen den harten, punktuellen Schlag.
Mineralglas, K1 und das Hardlex-Missverständnis.
Mineralglas ist ein häufiges Uhrenglas und laut dem Fachmagazin Europa Star vor allem in der Mittelklasse zu finden. Es ist günstig, gut ablesbar, bruchgutmütig und im Schadensfall leicht zu ersetzen. Chemisch ist es ein Silikatglas, im Rohzustand laut dem Glashersteller Pilkington für Floatglas etwa Mohs 5 bis 6, also deutlich kratzempfindlicher als Saphir.
Thermisch oder chemisch vorgespanntes Mineralglas, oft unter Namen wie K1 verkauft, erreicht eine höhere Härte und vor allem mehr Schlag- und Bruchfestigkeit. Hier liegt ein verbreitetes Missverständnis: Das Härten verbessert vor allem die Bruchfestigkeit, die Kratzfestigkeit kaum. Bei chemisch vorgespanntem Displayglas vom Typ Dragontrail steigt die Vickers-Härte laut Datenblatt nur um rund 13 Prozent, das Glas gilt dort aber als sechsmal so fest wie gewöhnliches Floatglas. Eine gehärtete Mineralglasuhr steckt einen Stoß also besser weg, bleibt beim Kratzen aber klar unter Saphir.
Das gilt auch für Hardlex, Seikos bekanntes Marken-Glas. Hardlex ist gehärtetes Mineralglas mit einem eigenen Verfahren, bewusst zwischen Mineral und Saphir positioniert: kratzfester als Standard-Mineralglas, bruchtoleranter und günstiger als Saphir. Trotz des technischen Namens bleibt es ein Mineralglas und ist ausdrücklich kein Saphir. Wer Hardlex liest, sollte es nach Kratzfestigkeit wie ein gutes Mineralglas einschätzen, nicht wie Saphir.
Acryl und Hesalite, das Glas der NASA.
Acryl- oder Kunststoffglas, in der Uhrenwelt meist Hesalite genannt, hat einen schlechten Ruf als Billigmaterial. Das wird ihm nicht gerecht. Acryl ist weich und verkratzt am leichtesten von allen drei Materialien, aber es splittert praktisch nicht, ist sehr leicht und lässt sich mit etwas Polierpaste wieder klar bekommen.
Den besten Beleg dafür liefert die Raumfahrt. Die NASA zertifizierte 1965 bewusst eine Uhr mit Hesalite-Glas für den bemannten Raumflug, gerade weil Acryl bei Bruch nicht splittert. In der Schwerelosigkeit wären umherfliegende Glassplitter gefährlich. Die Omega Speedmaster Moonwatch wird bis heute in einer Hesalite-Variante angeboten. Acryl ist hier also eine bewusste Sicherheitswahl, kein Sparentscheid.
Die ehrliche Kehrseite gehört dazu: Acryl verkratzt im Alltag schnell und vergilbt unter UV-Licht über die Jahre. Bruchsicherheit ja, Oberflächen-Sorglosigkeit nein. Wer den warmen, leicht gewölbten Vintage-Look schätzt und das gelegentliche Auspolieren nicht scheut, trifft mit Acryl eine charakterstarke Wahl. Wer ein dauerhaft makelloses Glas will, ist mit Saphir besser bedient.
Flach, gewölbt, boxed, was die Glasform bedeutet.
Nicht nur das Material entscheidet, auch die Form des Glases. Sie ist mehr als Optik, sie verändert das Verhalten der Uhr im Alltag. Drei Grundformen kommen vor: flach, leicht gewölbt und stark gewölbt, oft als boxed oder domed bezeichnet.
Flaches Glas zeigt kaum Verzerrung und sitzt geschützt im Gehäuse. Ein gewölbtes oder boxed-Glas, typisch für Vintage-Uhren und für Acryl, erzeugt einen warmen, leicht verzerrten Blick auf das Zifferblatt und spielt mit dem Licht. Dieser Reiz hat einen Preis: Eine vorstehende Wölbung ist exponierter und am Rand etwas bruchgefährdeter, weil sie über das Gehäuse hinausragt und einen Schlag früher abbekommt. Form ist also Optik und Mechanik zugleich, das sollten Sie bei stark gewölbten Gläsern mitdenken.
Entspiegelung, innen, außen oder beidseitig.
Saphir hat eine optische Eigenheit: Durch seinen hohen Brechungsindex spiegelt er von Natur aus stärker als Mineralglas. Damit eine Saphiruhr nicht blendet, wird sie meist mit einer Antireflexbeschichtung versehen, ein- oder beidseitig. Diese Entspiegelung löscht Reflexe weitgehend aus und macht das Zifferblatt auch im Gegenlicht ablesbar.
Wichtig für Sie als Besitzer: Die Beschichtung ist eine hauchdünne, im Vakuum aufgedampfte Schicht auf dem Glas, und sie ist laut Oris weniger kratzfest als das Saphirglas darunter. Sie kann sich abnutzen oder verkratzen, während der Saphir selbst unversehrt bleibt. Eine beschädigte Entspiegelung wird deshalb oft für einen Kratzer im Saphir gehalten. An der beschädigten Stelle fehlt dann laut Oris die Schicht, und die Stelle hebt sich stark vom übrigen Glas ab.
Innen liegende Entspiegelung ist geschützt und hält länger, außen liegende wirkt optisch am besten, ist aber empfindlicher. Beidseitig ist am klarsten und zugleich am pflegeintensivsten. Wer Spiegelfreiheit als Kriterium hat, achtet auf den Zusatz beidseitig entspiegelt und weiß zugleich, dass diese Wirkung an der Beschichtung hängt, nicht allein am Material.
Reinigen Sie das Glas mit einem weichen, sauberen Mikrofasertuch statt mit Papiertaschentüchern oder rauem Stoff, die die Beschichtung fein zerkratzen können. Wischen Sie nie trocken über Staub. Ein Tropfen mildes Seifenwasser und sauberes Nachtrocknen reichen aus. Polywatch schließt seine Glaspolitur für beschichtete Oberflächen ausdrücklich aus.
Sapphire-coated, Sapphlex, Krysterna, die Marketing-Fallen.
Rund um Uhrenglas kursieren technisch klingende Namen, die mehr versprechen, als sie halten. Wer sie einordnen kann, fällt nicht auf einen Aufpreis herein. Drei Muster lohnt es zu kennen.
Sapphire coated oder Sapphlex. Das ist kein Saphirglas, sondern Mineralglas mit einer dünnen Saphirschicht auf der Oberfläche. Diese Schicht nutzt sich mit der Zeit ab, darunter liegt normales Mineralglas. Planen Sie die Haltbarkeit eines solchen Glases wie bei Mineralglas, nicht wie bei Saphir.
Markennamen für Materialklassen. Hardlex, K1, Krysterna und ähnliche Bezeichnungen sind Markennamen für teils ähnliche Materialklassen. Meist steckt gehärtetes Mineralglas dahinter, mal mit eigener Rezeptur, mal mit einer dünnen Beschichtung. Lassen Sie sich vom Namen nicht zur Saphir-Erwartung verleiten, fragen Sie nach dem Grundmaterial.
Kratzfest ohne Materialangabe. Wo ein Datenblatt nur kratzfest oder bruchsicher schreibt, ohne das Material zu nennen, fehlt meist die Substanz dahinter. Niemand verschweigt freiwillig ein echtes Saphirglas. Was gut ist, wird benannt: Saphir, Mineral oder Acryl, idealerweise mit Angabe zur Entspiegelung.
Welches Glas hat meine Uhr?
Wenn auf dem Gehäuseboden keine Angabe steht, lässt sich das Material mit ein paar Indizien eingrenzen. Keines davon ist ein sicherer Beweis, aber zusammen ergeben sie ein gutes Bild. Reinigen Sie das Glas vorher, Schmutz und Öl verfälschen jeden Test.
- Wassertropfen. Ein Tropfen Wasser bleibt auf Saphir eher kompakt und kugelig stehen, auf Acryl zerläuft er schneller. Ein Indiz, kein Beweis, denn eine äußere Beschichtung kann das Ergebnis verändern.
- Temperatur. Saphir leitet Wärme gut ab und fühlt sich beim kurzen Auflegen der Lippe oder Wange kühler an als Mineralglas. Genau dieses Prinzip nutzt ein Wärmeleit-Tester beim Uhrmacher.
- Macken-Muster. Viele feine Schleier und Kratzer sprechen für Acryl oder Mineralglas. Ein nahezu makelloses Glas an einer älteren, viel getragenen Uhr spricht für Saphir.
Vermeiden Sie Ritz- oder Schlagtests an der eigenen Uhr. Ein echter Kratztest beschädigt im Zweifel ein Mineralglas unnötig. Der Uhrmacher erkennt das Material meist in Sekunden, oft schon am Klang und am Reflexionsverhalten.
Kratzer im Uhrenglas entfernen: was bei welchem Glas geht.
Ob ein Kratzer im Uhrenglas verschwindet, entscheiden Material und Tiefe. Acrylglas polieren Sie oft selbst aus. Bei Mineralglas gelingt das nur bei flachen Kratzern. Bei Saphirglas bleibt in der Regel nur der Austausch. Der erste Schritt ist deshalb nicht das Polieren, sondern die Diagnose.
Erst prüfen: wie tief, und Glas oder Entspiegelung?
Der Fingernagel liefert eine einfache erste Grenze. Der Poliermittelhersteller GLASS POLISH begrenzt seine Ceroxid-Politur ausdrücklich auf feine Kratzer, an denen der Fingernagel nicht hängen bleibt. Tiefere Kratzer verlangen laut Hersteller vorher ein Schleifmittel.
Aus der Autoglas-Praxis stammt eine Faustregel für die Tiefe: Bleibt der Nagel deutlich hängen, ist der Kratzer laut einem Kfz-Meisterbetrieb mehrere Zehntelmillimeter tief. Polierbar sind nur wenige Hundertstelmillimeter, sonst leidet die Optik unter dem nötigen Materialabtrag.
Nicht jeder vermeintliche Glaskratzer ist auch einer. Laut Oris wird eine beschädigte Außenentspiegelung oft für einen Kratzer gehalten, mehr dazu in Kapitel VIII. Deshalb ist laut Oris der überwiegende Teil der Saphirgläser nur innen entspiegelt, betroffen sind vor allem außen beschichtete Gläser.
| Glas | Selbst | Beim Uhrmacher | Worauf achten |
|---|---|---|---|
| Acryl / Hesalite | Ja, mit Polierpaste oder Autopolitur | Bei tiefen oder wiederholten Kratzern | Beschichtetes Acryl (z. B. seit 2010 bei Junghans) nicht blank polieren |
| Mineralglas | Nur feine Kratzer, Fingernagel-Grenze beachten | Ab spürbarer Nageltiefe meist Austausch | Großflächig arbeiten, Hitze vermeiden; bei leichten Schrammen ist kein Wechsel nötig |
| Saphirglas | Praktisch nicht, nur Diamantwerkzeug oder Diamantpaste bearbeitet das Material | In der Regel Austausch | Erst prüfen, ob nur die Entspiegelung beschädigt ist |
| Entspiegelung außen | Nicht empfohlen | Befund beim Uhrmacher klären | Polituren nicht auf beschichtete Flächen anwenden |
Quellen: Oris, Röhm, Polywatch, GLASS POLISH, Europa Star, CHRIST und MeinUhrmacher24, abgerufen im September 2026.
Acryl und Hesalite: selbst auspolieren
Acryl gilt laut Oris als kratzempfindlich, ist aber der dankbarste Fall: Ein zerkratztes Plexiglas lässt sich laut Hersteller mit einer Poliermaschine wieder aufpolieren. Der Kunststoffhersteller Röhm empfiehlt Handpolieren mit Polierpaste und einem weichen Baumwolltuch, alternativ eine handelsübliche Autopolitur. Bei kleinen Stellen bleibt der Abtrag laut Röhm sichtbar, das Ergebnis wird besser, nicht spurlos. Röhm warnt zudem, nicht zu lange oder zu fest auf eine Stelle zu drücken, die entstehende Reibungswärme kann das Material schädigen.
Ein fertiges Pflegemittel für Kunststoffgläser ist etwa das Plastic Polish von Polywatch. Die Anleitung: auftragen, mit dem beiliegenden Tuch unter starkem Druck quer zum Kratzer polieren, laut Hersteller 2 bis 3 Minuten, bei Bedarf wiederholen. Das Wirkprinzip dahinter ist eine Herstellerangabe, eine unabhängige Prüfung ist nicht bekannt.
Vorsicht ist bei beschichtetem Acryl geboten. Junghans verbaut seit 2010 bei der max bill ein beschichtetes Plexiglas für mehr Kratzfestigkeit. Auf einem solchen Glas kann Polieren die Beschichtung mit abtragen. Ähnlich beschreibt es der Pflegemittelhersteller Displex für Handydisplays mit gehärteter Oberfläche: Beim Entfernen tiefer Kratzer kann dort ein Fleck entstehen.
Mineralglas: nur flache Kratzer
Mineralglas verkratzt laut dem Fachmagazin Europa Star leicht, die Kratzer lassen sich aber wegpolieren. Für die Ceroxid-Politur von GLASS POLISH gilt dabei die oben genannte Fingernagel-Grenze.
Zwei Grenzen sollten Sie kennen. Erstens muss großflächig poliert werden, sonst entsteht laut Kfz-Fachpresse ein Linseneffekt, und wird die Stelle zu heiß, kann das Glas reißen. Zweitens zählt jedes Hundertstel: Der Uhrglashersteller Stettler nennt gegenüber Europa Star bereits einen Hundertstelmillimeter Mehrabtrag auf einer Seite als sichtbar.
Bei gehärtetem Mineralglas sitzt die Festigkeit laut dem Glashersteller Corning in einer dünnen Druckspannungsschicht an der Oberfläche. Bei Displayglas liegt diese Schicht laut einem Corning-Patent und einem AGC-Datenblatt bei rund 35 bis 50 Mikrometern, einen Wert für Uhrgläser nennt keine der ausgewerteten Quellen. Wer tief poliert, trägt einen Teil dieser Schicht ab. Aus der Autoglas-Praxis kommt dazu eine deutliche Warnung: Bei thermisch vorgespanntem Glas kann zu viel Abtrag die Scheibe platzen lassen.
Für Mineral- und Saphirglas bewirbt Polywatch eine Diamantpolitur, Glass Polish, ausdrücklich nicht für beschichtete Oberflächen. Das Werkstattnetz MeinUhrmacher24 hält einen Glaswechsel wegen leichter Schrammen bei Mineral- und Kunststoffglas dagegen für unnötig.
Saphirglas: in der Regel ein Tausch
Saphir lässt sich laut dem Saphirglashersteller Stettler Sapphire von den meisten Materialien nicht zerkratzen. Diese Härte macht zugleich die Reparatur schwer. Schneiden, Schleifen und Polieren gelingen laut einer Reportage bei diesem Hersteller nur mit Diamantwerkzeug oder Diamantpaste. Das ist einer der Gründe für den hohen Preis des Materials.
Die Juwelierkette CHRIST fasst es für die Praxis so zusammen: Bei einem Schaden im Saphirglas ist der Austausch in der Regel das Mittel der Wahl. Polywatch bewirbt zwar eine Diamantpolitur auch für Saphirglas, eine unabhängige Prüfung dieser Wirkung ist aber nicht bekannt.
Bevor Sie ein Saphirglas tauschen lassen, lohnt deshalb der Blick auf die Entspiegelung.
Hausmittel: was Zahnpasta wirklich tut
Zahnpasta ist laut dem US-Zahnärzteverband ADA per Definition schleifmittelhaltig, ihre Abrasivität darf beim ADA-Siegel bis zu einem RDA-Wert von 250 reichen. Wie sich dieser Abrieb auswirkt, zeigen Herstellerangaben zu Brillengläsern. Der Brillenhersteller Silhouette warnt, dass Zahnpasta und Backpulver Kratzer oft nur kurzfristig kaschieren und dabei Beschichtungen abtragen können. Der Optiker Fielmann erklärt das Prinzip: Die körnige Paste trägt die verkratzte Schicht ab, bei beschichteten Gläsern verschwindet damit auch die Beschichtung.
Für Mineral- oder Saphirglas gibt es dagegen keinen Herstellerbeleg, dass Zahnpasta wirklich hilft. Öl füllt laut Fielmann bei Brillengläsern Rillen nur optisch auf, der Kratzer selbst bleibt bestehen. Für Acrylglas nennt Röhm eine Autopolitur als brauchbares Mittel. Der Pflegemittelhersteller Displex nennt für seine Politur nur unbeschichtete Kunststoff-Displays, Uhrgläser erwähnt er nicht.
Mehr zu Hausmitteln beim Reinigen der Uhr lesen Sie im Ratgeber Uhr reinigen und polieren, Kapitel Hausmittel im Faktencheck.
Glas wechseln: Kosten, Dichtheit, Garantie
Saphir ist bei jedem Anbieter in der Tabelle, der einen Saphirpreis nennt, der teuerste Tausch, meist mit deutlichem Abstand zu Mineral- und Kunststoffglas. Die Auswahl zeigt veröffentlichte Preise von Herstellern und Uhrmachern, jeweils mit der Leistung, die im genannten Preis steckt.
| Anbieter | Leistung | Preis |
|---|---|---|
| Junghans (Herstellerservice, eigene Uhren) | Plexiglas-Service: Glastausch, Gehäusereinigung, Prüfung der Wasserdichtheit | 55 € UVP |
| Tissot, Certina, Mido (Servicezentren) | Teilwartung mit einfachem Glas, ohne Saphir- und Formglas, mit Dichtungen und Wasserdichtigkeit | 60 € (2 bis 3 Zeiger), 75 € (Chronograph), UVP |
| Uhrmacherei Boxberg | Glasanfertigung: Mineral rund flach, Saphir rund flach, Plexiglas rund | Mineral ab 45 €, Saphir ab 75 € (0,9 mm) bzw. ab 85 € (1,4 mm), Plexiglas ab 55 € |
| MeinUhrmacher24 (Werkstattnetz, Versand) | Glaswechsel Kunststoff, Mineral, Saphir, inkl. MwSt., zzgl. Werttransport | Kunststoff ab 65 €, Mineral ab 95 €, Saphir ab 189 € |
| Uhrmacher Gries | Nur das Glas als Teil: Plexiglas, Mineral, Saphir, Arbeitslohn nach Aufwand | Plexiglas 20 €, Mineral 15 €, Saphir 30 bis 100 € |
Preise laut Preislisten der Anbieter, abgerufen im September 2026; die Junghans-Liste gilt ab Juni 2024.
Einen eigenen Preis fürs bloße Auspolieren veröffentlicht keiner dieser Anbieter, das klärt der Uhrmacher im Einzelfall.
Dicht wird das Glas nicht durch sich selbst, sondern über eine Dichtung oder eine Verklebung an seinem Rand. Die Uhrglasnorm ISO 14368-2 regelt für beide Einbauarten die Maße, Seiko und Omega beschreiben das für ihre eigenen Uhren. Dicht ist eine Uhr laut Omega nur, solange diese Komponenten intakt sind. Bei Rissen sollten Sie deshalb rasch handeln, mahnt CHRIST, damit weder Feuchtigkeit noch Staub ins Werk gelangen. Zu einem Glaswechsel gehört eine Dichtheitsprüfung: Bei Junghans, Certina und Mido steckt sie im genannten Preis, bei CHRIST in der Leistung. Mehr zur Wasserdichtigkeit lesen Sie im Ratgeber Wie wasserdicht eine Uhr wirklich ist.
Bei einem Kratzer im Glas hilft die Garantie selten. Omega, Tissot, Longines und Swatch zählen ein zerkratztes Glas zur normalen Abnutzung und ein zerbrochenes Glas zum Unfallschaden, beides schließen sie von der Garantie aus. Seiko, Grand Seiko, Citizen, Junghans und Casio nehmen Glasschäden oder Gebrauchskratzer ebenfalls ausdrücklich aus der Garantie. Rolex, NOMOS und Sinn nennen das Glas nicht eigens, schließen aber Verschleiß aus. Rolex und NOMOS nehmen zudem unsachgemäße Behandlung aus, Sinn Stöße.
